Flüchtlinge Guatemala
Franziskaner protestieren gegen unmenschliches Vorgehen der Polizei
Vorgeschichte:
Am 23. August 2011 wurde die Gemeinde Nueva Esperanza im Gebiet des Petén, Guatemala, von Mitgliedern des guatemaltekischen Militärs und der Staatspolizei dazu gezwungen, ihre Ländereien zu verlassen. Vor der Vertreibung hatten die DorfbewohnerInnen weder eine Benachrichtigung noch einen alternativen Vorschlag zur Unterbringung erhalten. Die Behörden rechtfertigen ihr Vorgehen mit dem Argument, die Gemeinde müsste aus dem Gebiet entfernt werden, da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt. Während der Räumung des Dorfes wurden die Häuser, die Schule sowie die Kirche niedergebrannt.
Nach der Vertreibung suchten die 300 DorfbewohnerInnen, unter ihnen über 100 Kinder und mehrere schwangere Frauen, auf der anderen Seite der Grenze Zuflucht: in der Gemeinde Nuevo Progreso im mexikanischen Bundesstaat Tabasco.
Die Verhandlungen zwischen der Dorfgemeinschaft und der guatemaltekischen Regierung auf Rückkehr gingen sehr langsam vonstatten. Die Regierung hat den Vertriebenen bis zum jetzigen Moment nur ein weitaus kleineres Landstück angeboten. Außerdem hat sie keinen Schadensersatz für die verlorenen Ländereien und Güter geleistet.
Am 9. Januar 2012 ereigneten sich dramatische Ereignisse in dem Flüchtlingscamp in Mexiko. Der Franziskaner Tomás González Castillo OFM, Direktor des Menschenrechtszentrums Usumacinta (CDHU) und der Herberge für MigrantInnen 'La 72' in Tenosique, Tabasco, berichtet in einer Email:
„Liebe Freunde...
Ich sende euch eine schmerzerfüllte Umarmung...
Wir sind voller Wut, Zorn, Machtlosigkeit... Die verbliebenen guatemaltekischen Vertriebenen, die wir besucht haben, weinen heute...
Wir müssen euch erzählen:
Heute gegen sechs Uhr morgens, erreichten die Bundespolizei und Vertreter der Migrationsbehörde (INM) das Flüchtlingslager. Sie kamen mit ca. 300 Personen, die meisten uniformiert, aber auch einige in Zivil. Einer der Verantwortlichen der Operation war der stellvertretende Leiter der Regionalen Migrationsbehörde (INM) in Tabasco, Erick Gutiérrez Cosío.
Sie zwangen die BewohnerInnen dazu, in die Fahrzeuge zu steigen, teilweise auch mit Gewalt. Die Kinder wurden festgehalten, um die Eltern davon abzuhalten zu fliehen. Obwohl die Bundespolizei das Flüchtlingslager eingekreist hatte, konnten einige fliehen. Beim Verfolgen der Flüchtenden drangen die Beamten auch auf guatelmaltekisches Gebiet vor. Andere Polizisten begannen mit der Zerstörung der Hütten, in denen sich Menschen aufhielten, und luden alle Habseligkeiten der DorfbewohnerInnen - vor allem den frisch geernteten Mais und die Bohnen - auf die Transportwagen.
Einige Personen sagten dem für die Räumung des Lagers verantwortlichen Erick Gutiérrez Cosío, dass einige Dorfbewohner sich auf den Weg nach Tenosique gemacht hätten, um mich zu informieren und Hilfe anzufordern. Erick Gutiérrez machte sich bloß über sie lustig und antwortete ihnen, ich würde die DorfbewohnerInnen hintergehen. Außerdem sei der Weg versperrt worden und sie würden mich nicht durchlassen.
Zwei Mitglieder der Gemeinde schafften es dennoch nach Tenosique und suchten mich dort auf. Wir hatten bereits geplant, heute mit ihnen nach El Ceibo zu fahren, um der Gemeinde Nahrungsmittel zu bringen, die die Kirchengemeinde des Petén für sie gesammelt hatte. Andere wurden auf ihrem Weg nach Tenosique von Polizeieinheiten der Generalstaatsanwaltschaft (PGR) festgenommen und zu der Verwaltungsstelle nach Tenosique gebracht, wo sie vernommen wurden. Als wir mit ihnen telefonieren konnten, sagten sie uns, sie seien bereits zur Migrationsstation gebracht worden.
Mehrere Zeitungen, die als Sprachrohr des Staates fungieren, verbreiten Falschinformationen. Sie schreiben, dass es sich um eine friedliche Umsiedlung gehandelt habe und die DorfbewohnerInnen freiwillig in die Transporter gestiegen seien. Das sind Lügen. Wir haben Zeugenaussagen auf Video von den DorfbewohnerInnen, die sich noch im Lager aufhalten.
Wir bitten Euch darum, Eilaktionen an alle eure Kontakte zu versenden.
Wir bleiben in Kontakt.
Tomás.“
Die Missionszentrale der Franziskaner hat am 11. Januar 2012 einen Brief an den Präsidenten Mexikos, Felipe de Jesús Calderón Hinojosa, an den Gouverneur des Bundestaates Tabasco, Andrés Granier Melo, und weitere Entscheidungsträger geschrieben. Darin wird u. a. gefordert:
- Dass die mexikanischen Behörden davon Abstand nehmen, die GuatemaltekInnen zurück in ihr Heimatland abzuschieben. Die vertriebenen Guatemalteken befinden sich in einem Dialog mit ihrer Regierung. Mexiko kommt seiner humanitären Verpflichtung nicht nach, wenn es den Druck auf diese bereits leidende Gruppe noch erhöht.
- Dass sie einen würdevollen Umgang mit allen Vertriebenen garantieren und dass die Kinder bei ihren Eltern bleiben können. Familien auseinander zu reißen, stellt ein unmenschliches Vorgehen dar.
- Dass die Rechte der Verhafteten respektiert und geschützt werden.
- Dass unverzügliche Ermittlungen eingeleiten werden bzgl. des Motivs und der Vorgehensweise, mit der die Operation durchgeführt wurde. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass bereits ein Dialog mit den mexikanischen Behörden bestand, der den Aufenthalt der Familien garantieren sollte.

